Zwischen Überfluss und Armut

Opulente Feste gehören in Juchitán zum Alltag. Obwohl die Region eine der ärmsten des Landes ist und auch Juchitán von Krisen nicht verschont bleibt, wird ungewöhnlich viel Geld in Blaskapellen, Essen und Trachten investiert. Wie passt das zusammen?

Das Erste was, auffällt wenn man nach Juchitán kommt, ist der Markt. Das Zweite: Jeden Tag steigt hier mindestens eine größere Party. Sobald die Sonne untergeht und sich die Luft um ein paar Grad abkühlt, verwandelt sich ein Hinterhof, eine Straßenkreuzung oder ein öffentlicher Platz dieser tristen Stadt. Dann hängen die Juchiteken bunte Girlanden auf, engagieren eine Band und verkaufen Bier. Die Frauen ziehen ihre prachtvollen Trachten an, flechten sich die Haare und schmücken sie mit Blüten, die Lippen rot bemalt. Nicht zu vergessen: Die fetten Goldketten, Armreife und Ohrringe, mit denen sich die Señoras behängen.

Auf den ersten Blick erscheint es absurd: Oaxaca ist nach Chiapas der zweitärmste Bundesstaat des Landes und Juchitán eine krisengeschüttelte Stadt. Vielen Familien bleibt kaum Geld für Schulbücher und Arztbesuche. Trotzdem wird auf zahlreichen Festen ein scheinbarer Überfluss zelebriert. Wie passt das zusammen?

Über 600 Feste werden jährlich in Juchitán gefeiert. Davon steigen allein 83 im Mai. Es ist der festreichste Monat der Stadt. Gefeiert werden Geburtstage, Hochzeiten, aber auch öffentliche Feiern zu Ehren eines Schutzheiligen, eines Vereins oder eines Stadtviertels. Die Party kann mehrere Tage dauern, mindestens aber zwei. Denn fester Bestandteil jeder Fiesta ist die „lavada de ollas“, der Tag des Töpfewaschens am Tag danach. Es ist eine Art informelle After Hour bei der resümiert, aufgeräumt und natürlich gegessen und getrunken wird.

Meine erste juchitekische Party, oder „Pachanga“ wie es hier heißt, ist ein 50. Geburtstag. Julissa, meiner Gastmutter, ist es extrem wichtig, dass ich mich bei der Gastgeberin nach der Kleiderordnung erkundige. Die nämlich unterliegt strengen Regeln: Bei kleineren Feiern tragen die Frauen meistens Huipil und Enagua de Holán, ein einfach geschnittenes Oberteil und einen Rock mit Spitzensaum. Zu wichtigen Feiern dann die mit Blumen bestickte „Gala-Tracht“. Bis zu 20.000 Pesos kostet eine solche handgefertigte Tracht, also rund 830 Euro. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatsverdienst einer Marktfrau liegt bei rund 1.000 Euro im Monat – sofern das Geschäft gut läuft. Trotzdem gibt es in Juchitán keine Frau, die nicht mindestens eine Tracht besitzt. Julissa sagt, die Frauen hier arbeiten auch deshalb so hart, weil sie sich die teuren Kleider und den Goldschmuck leisten wollen. In dieser Hinsicht haben es die Männer einfacher: Sie tragen immer ein einfarbiges weißes Hemd zu einer dunklen Hose.

Julissa leiht mir einen roten Enagua de Holán. Und während sie mir die Haare flicht, weist sie mich in die wichtigsten Regeln des Festalltags ein. Es gibt viel zu beachten, denn nicht nur in Bezug auf die Kleiderordnung sind die Geschlechterrollen streng codiert. Wird ein Fest gefeiert, steuern Männer und Frauen jeweils einen festgelegten Tribut bei: Bei Ankunft überreicht die Frau der Gastgeberin möglichst unauffällig eine „limosna“, eine in einem Taschentuch versteckte Geldspende, um die Familie bei der Finanzierung zu unterstützen. Der Mann kauft am Eingang einen Kasten Bier für die gesamte Festgesellschaft.

Als wir ankommen, läuft alles nach Protokoll ab. Die Gastgeberin empfängt uns und nimmt die Spenden entgegen. Einige Frauen bringen große Kochtöpfe mit Essen mit, andere Blumen und Geschenke. Der Innenhof des Hauses ist von Tischen umrundet, darauf weiße Tischdecken. Am Rand hat sich eine Blaskapelle installiert. Sie besteht nur aus Männern. Musik gilt in Juchitán, genauso wie beispielsweise Malerei, Poesie oder die Goldschmiederei traditionell als Männerdomäne.

Kaum dass wir sitzen, wird uns die „botana“ serviert, ein Teller mit Fingerfood. Darunter viele traditionelle Gerichten wie Krabbensalat, gerösteten Erdnüsse, Empanadas und natürlich Fleisch. Frauen wie Männer trinken Bier, wobei die kleinen Coronitas (0,25l) selten den Umweg über ein Glas nehmen. Die vielen Feste haben Juchitán übrigens auch den Beinahmen Chupitlán eingebracht – die „Säuferstadt“.

Warum, frage ich meinen Begleiter, werden in Juchitán so viele Feste gefeiert? „Weil es alte Traditionen sind, die wir aufrechterhalten“, sagt er. Aber warum sind diese Traditionen entstanden, frage ich weiter. Eine junge Frau gegenüber schaltet sich ein. „Warum? Weil es Spaß macht. Und weil Tanzen Lebensfreude ist“. Tatsächlich ist der Tanz ein essentieller Teil auch dieses Festes: Kaum ertönen die ersten Takte der Blaskapelle, da raffen die Frauen ihre Röcke und schreiten auf die Tanzfläche. Sie tanzen zunächst langsam und mit ernsten Mienen, alleine oder miteinander, aber stets aufrecht und stolz. Die buntbestickten Kleider betonen dabei die oft fülligen Körper der Señoras. Die Männer halten sich zunächst zurück, warten ab und schauen zu. Später mischen sich einige von ihnen zwischen die Frauen. Mann und Mann jedoch sieht man nie zusammen tanzen.

Zu fortgeschrittener Stunde und bei fortgeschrittenem Alkoholkonsum kommen wir noch einmal auf das Warum der vielen Feste zurück. „Die Wirtschaft wird angekurbelt“, sagt Alvaro, ein älterer Herr am Tisch. „Wird ein Fest gefeiert, engagieren wir eine Blaskapelle, kaufen Essen, Bier, Dekoration. Die Frauen geben Geld für Trachten und Schmuck aus“. Die Ausgaben fließen zurück in die Ökonomie der Stadt, erklärt er. Frauen, die Trachten sticken, haben durch die Feste mehr Arbeit, genauso Friseure, Verkäuferinnen und Köche. Später lese ich, dass sich das Subsistenzwirtschaft nennt. Überschüsse der lokalen Ökonomie werden nicht angehäuft oder exportiert, sondern direkt verbraucht.

Aufrechterhalten wird dieses System durch eine weitere Regel: „Wirst du zu einer Feier eingeladen, stehst du in der Schuld der Gastgeber“, sagt Alvaro. „Jeder Gefallen verlangt einen Gegengefallen“. Durch die vielen Feste entsteht ein engmaschiges Netz sozialer Verpflichtungen. Das, so sieht es zumindest Alvaro, stärkt die Verbundenheit und Abhängigkeit der Juchiteken untereinander. „Gastfreundschaft und Großzügigkeit sind für uns Ehre und Pflicht zugleich“. Wirtschaft und soziale Gemeinschaft gehören in Juchitán zusammen. Zudem erhöhen Feste und Gastfreundschaft das Sozialprestige: Als angesehen gilt, wer viel gibt.

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Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.

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