Um das Matriarchat ranken sich viele Mythen. Aber was genau ist damit eigentlich gemeint? Und gibt es sie wirklich, jene Gesellschaften, in denen die Frauen das Sagen haben?

Der Begriff „Matriarchat“ ist nicht nur umstritten, sondern auch missverständlich. Übersetzt wird er fälschlicherweise oft mit „die Herrschaft der Mütter“. Auch deshalb verstehen viele unter Matriarchat eine Gesellschaft, „in der die Frauen das Sagen haben“. Untermauert wird diese Vorstellung bis heute durch Amazonen-Mythen, aber auch durch feministische Gruppierungen wie „Femen“ oder die österreichische Burschenschaft „Hysteria“. Letztere fordert zum Beispiel die Einschränkung des Männerwahlrechtes und eine Frauen- und Transgenderquote von 80 Prozent in öffentlichen Ämtern. Auch wenn zumindest Hysteria der Satire und Überspitzung frönt, so ist doch auffallend, dass wir das Matriarchat meistens als ein spiegelbildliches Gegenstück zum Patriarchat verstehen – und damit als eine Gesellschaft, in der es ähnliche Machtstrukturen gibt.

Doch eine solche Gesellschaftsform, in der Frauen herrschen und Männer unterdrückt werden, hat es nach heutigem Forschungsstand nie gegeben. Und wenn es sie doch gegeben hat, dann nur als Ausnahmeerscheinung und nicht dauerhaft. Angesehener ist hingegen die These, dass Frauen in der Ur- und Frühzeit eine wichtige Stellung innerhalb der Gemeinschaft innehatten. Bis heute gibt es, wenn auch nur vereinzelt, auf allen Kontinenten jahrhundertealte Gesellschaften, in denen matriarchale Strukturen überlebt haben. Auf allen Kontinenten außer Europa. Hier hat die Hexenverbrennung beinahe alle Spuren ausgelöscht.

Das größte noch existierende Matriarchat bilden mit über drei Millionen Einwohnern die Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra. Bis heute bewahren sie die Adat, ihr matriarchales Stammgesetz, demnach der Grund und Boden den Frauen der Familie gehört und an die Töchter vererbt wird. Auch bei den Khasi in Indien ist die gesellschaftliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen bis heute in der Verfassung des Bundesstaates verankert. Ein weiteres, gut erforschtes Matriarchat bilden die Mosuo im Südwesten Chinas. Auch Amerika weißt mit den Kuna in Panama, den Hopi in Arizona oder den Wayúu auf der Guajira-Halbinsel, die zu Kolumbien und Venezuela gehört, mehrere matriarchal geprägte Gesellschaften auf. Und in Afrika sind beispielsweise die Luapula in Sambia oder die Tuareg zu nennen.

Auf den ersten Blick haben diese Gesellschaften wenig gemeinsam. Noch am ehesten lässt sich beschreiben, was sie nicht sind: Sie sind keine Umkehrung des Patriarchats. Im Matriarchat herrscht oft ein Miteinander, es gibt keine Herrschaft des einen Geschlechts über das andere, weshalb sie auch gerne als gender-egalitäre Gesellschaften bezeichnet werden. Das Wort Matriarchat selbst ist ein Kunstwort, das erst in den 1980er Jahren aufkam. Es wurde von Ethnologinnen und Historikern in Analogie zum längst gebräuchlichen Begriff Patriarchat gebildet.

Obwohl der Terminus missverständlich ist, hält auch die bekannte Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth an ihm fest, plädiert jedoch für eine Umdeutung: Das griechische Wort „arché“, das sowohl im Wort Patriarchat als auch im Wort Matriarchat steckt, hat nämlich zwei Bedeutungen. Es bedeutet nicht nur „Herrschaft“, sondern auch „Anfang“, wobei die zweite Bedeutung die ältere ist. Somit kann Matriarchat auch mit „am Anfang die Mütter“ übersetzt werden.

Und das wiederum beschreibt die Gesellschaftsform ganz gut. Denn in matriarchal geprägte Gesellschaften stehen die Frauen und Kinder im Mittelpunkt. Auf sozialer Ebene ist die Gemeinschaft oft matrilinear oder matrilokal strukturiert. Das bedeutet, dass Familiennamen und Besitz entlang der Familie der Mutter vererbt wird und Männer nach der Heirat ins Haus der Frau ziehen. Auf ökonomischer Ebene sind es oft Garten- und Ackerbaugesellschaften, wobei die Frauen die Güter verwalten und allein dadurch eine starke gesellschaftliche Position innehaben. Was aber nicht bedeutet, dass die Arbeit der Männer weniger anerkannt ist. Es herrscht ein ständiger Austausch von Waren innerhalb der Gemeinschaft, um Hierarchien und Ungleichheit zu verhindern. Zudem werden ungewöhnlich viele sakrale und kultische Rituale zelebriert, zum Beispiel die Initiation ins Jugendalter oder Trauerrituale. Diese Mechanismen, die jene uralte Gesellschaftsstruktur reproduzieren und zum Teil bis heute aufrechterhalten, möchte ich in Juchitán beobachten und beschreiben.

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Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.