Frauenwelten, Männerwelten

Im Matriarchat erledigen die Frauen den Abwasch. Was also ist hier anders, als in anderen Gesellschaften? Die großen Nachbarschaftsfeste geben Aufschluss. 

Höhepunkt der Festsaison sind die sogenannten Velas, Nachbarschaftsfeste mit bis zu 4.000 Besuchern. „Vela“ bedeutet im Spanischen Kerze, aber auch Nachtwache und Segel. Alle drei Bedeutungen finden sich in den juchitekischen Velas wieder: Vor dem Fest ziehen die Bewohner Kerzen, die sie zu einer Messe in die Kirche bringen. Das Festzelt selbst ist mit weißen oder blauen Segelplanen überdeckt. Und die Nachtwache schließlich deutet darauf hin, dass die Festgemeinschaft bis zur Morgendämmerung durchhält.

Die wichtigsten Velas im Mai steigen zu Ehren des Schutzheiligen der Stadt, San Vicente Ferrer. Dieses Jahr jedoch hat das Festkomitee beschlossen, die Velas wegen des schweren Erdbebens auf ein Minimum zu reduzieren. Konkret heißt das: Nur an wenigen Tagen werden Feste veranstaltet. Normalerweise feiern die Juchiteken eine ganze Woche lang.

Trotzdem nehmen die Vorbereitungen viel Zeit in Anspruch. Am Tag des Festes holen mich die Frauen des Hauses schon früh aus dem Bett: In der Küche wird jede helfende Hand gebraucht. Die nächsten fünf Stunden schnippele ich kiloweise Tomaten und presse zwei Säcke Zitronen in einen Bottich, bis meine Finger schrumpeln. Julissa und ihre Schwester verrühren Thunfisch, Mayo und Erbsen zu einem Salat, braten Garnelen in Knoblauch an und stampfen schwarze Bohnen zu einer dicken Paste.

Und die Söhne der Matriarchinnen? Der eine liegt im Bett, der andere in der Hängematte. Beide daddeln an ihren Tablets. Die Küche würden Männer nur zum Essen betreten, sagt Julissas Schwester Liz. Ihrer Meinung nach gibt es in Juchitán genauso viel Machismo wie überall auf der Welt. Mag schon sein, dass die Frauen hier in gewissen Bereichen was zu melden hätten. Aber das gelte eben auch für Küche und Abwasch.

Eine Ausnahme gibt es allerdings: Ein Freund der Familie ist gekommen, um uns zu helfen. Er ist Muxe und lebt als Mann. Muxe werden in Juchitán Menschen genannt, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt gegeben wurde. Muxes wechseln zwischen den Welten von Frauen und Männern, die sonst so strikt getrennt sind. Die traditionelle Geschlechterteilung würde sich jedoch langsam auflösen, meint Liz. Ihr Exmann hätte gerne gekocht und manchmal auch den Abwasch erledigt. Klingt ganz so, als ob das Matriarchat mit der Moderne ein bisschen weniger patriarchalisch wird. Ihren Sohn holt die ansonsten sehr autoritäre Liz trotzdem nicht in die Küche.

In solchen Momenten frage ich mich: Was ist hier eigentlich anders als in anderen Gesellschaften? Und wenn es hier wirklich matriarchale Strukturen gibt, woran erkennt man sie?

Erst als wir am Nachmittag, beladen mit Schüsseln und Tupperdosen voller Essen, am Festzelt ankommen, beginne ich wieder ein wenig zu verstehen, was die Stellung der Frau in Juchitán ausmacht.

Die Señoras erscheinen fast ausnahmslos in der festlichen, bunt bestickten Gala-Tacht. Ihr aufrechter Gang, aber auch die bunten Blumen und Bänder in den Haaren verleihen ihnen eine strahlende Kraft. Bekannt geworden ist die Tracht der Frauen am Golf von Mexiko übrigens auch durch Frida Kahlo. In traditionellen Röcken und mit hochgesteckten Haaren präsentierte sich Kahlo, eigentlich in Mexiko-Stadt geboren, der Welt als linke Aktivistin und Feministin. Und vermutlich ließ sie sich dabei nicht zufällig von den Frauen des Isthmus inspirieren, die bis heute in ganz Mexiko als unabhängig und stark gelten. Kahlos Kleidung unterstrich ihre politische Einstellung. Und auch in Juchitán ist die Künstlerin bis heute allgegenwärtig: Auf T-Shirts am Markt, auf Postkarten und Kalendern in Wohnzimmern und Kneipen. Die Vela wirkt dann auch wie ein Fest, bei dem 200 Frida Kahlos zusammenkommen.

Für die Feierlichkeiten haben die Anwohner einen ganzen Straßenzug gesperrt. Ein überdachtes Zelt ist zum improvisierten Tanzsaal geworden. Mototaxis und Autos müssen einen Umweg nehmen. Aber das ist man in Juchitán gewöhnt. Ein früherer Bürgermeister wollte das ständige Sperren von Straßen verbieten, hatte damit aber keinen Erfolg. Zu wichtig sind die Feste und zu frequentiert werden sie gefeiert.

Das Festzelt ist in Abschnitte unterteilt, in der verschiedene Gastgeberinnen ihre Gäste empfangen und auf hölzernen Klappstühlen bewirten. Der Gesamtaufwand wird dadurch auf viele Schultern verteilt. Kaum dass wir sitzen, serviert Julissa Bier und „Botana“. Schaut man nach links und rechts scheint es, als wollten sich die gastgebenden Frauen gegenseitig in ihrer Großzügigkeit überbieten: Es gibt wie immer Essen im Überfluss.

Aber nicht nur das Buffet liegt in Frauenhand. Die Frauen dominieren auch den Tanz. Sie sind es, die das Fest in feierlichen Tanzschritten eröffnen. Und sie sind es auch, die bis in die Morgendämmerung zu den Rhythmen von Salsa und Cumbia die Hüften kreisen, obwohl ihnen der Schweiß in Bächen von der Stirn rinnt.

Es stimmt: Die juchitekischen Frauen treten sehr selbstbewusst auf, sie strahlen Kraft und Unabhängigkeit aus. Trotzdem mögen es viele Juchiteken nicht, wenn westliche Anthropologinnen und Journalisten behaupten, hier herrsche das Matriarchat. Vor nun mittlerweile 23 Jahren schrieb eine französische Journalistin in der Zeitschrift „Elle“ über die freizügigen Juchitekas, die tanzen, trinken und über ihre faulen Männer herrschen würden. Der Artikel löst eine Welle der Entrüstung aus, an die sich bis heute viele Einwohner erinnern. Diese oberflächliche und ungenaue Beschreibung wollten die Frauen nicht auf sich sitzen lassen. Weder seien ihre Männer faul, noch würden die Frauen sie unterdrücken. Ihre Arbeit finde lediglich mehr im Verborgenen statt.

Die Frauen verklagten die „Elle“ und forderten eine neue Reportage – diesmal unter Aufsicht eines Frauenkomitees. Die Marktfrauen sperrten sogar vorübergehend das Stadtzentrum für westliche Ausländer. Und bis heute ruft die Zuschreibung „Matriarchat“ einen gewissen Unmut bei der Bevölkerung hervor.

Hinzu kommt wahrscheinlich: Für das Phänomen des Matriarchats interessieren sich vor allem Frauen. Und als solche haben sie leichter Zugang zur Welt der Frauen. So ergeht es zumindest mir. Denn natürlich haben auch Männer für dieses Fest gearbeitet, nur habe ich davon nichts mitbekommen. Sie haben die Bühne und das Festzelt aufgebaut, Kabel verlegt und Bier angekarrt. Auch während des Festes arbeiten und tanzen sie. Doch ihre Haltung ist weniger autoritär, ihre Kleidung weniger auffällig, ihre Körper in den meisten Fällen weniger raumfüllend.

Bevor wir die Vela verlassen, will ich dann aber eines noch wissen: Ob es ihn störe, dass den Frauen hier mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, frage ich einen Mann neben mir. Er schaut mich fragend an und sagt: „Nein, wieso auch?“.

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Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.

1 comment

  1. I. Oertel says:

    Liebe F… :))
    Danke für die interessanten Berichte, ich finde es sehr spannend, wie schwierig es ist, diese Gesellschaftsordnung in Juchitán einzuschätzen. Wahrscheinlich ist es wie bei allen Dingen, erst wenn man sich intensiv damit auseinandersetzt, sieht man was es wirklich damit auf sich hat, und das es sehr individuell empfunden und beurteilt wird. Vielleicht sind wir in unseren westlichen Vorstellungen, und unseren vielen Informationquellen, auch in diesem Fall nicht besonders objektiv und interpretieren die Frauen von Juchitán anders als sie sich selbst sehen. Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht !
    Liebe Grüße M.

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