Eulelia tut sich schwer

In Juchitán bestimmen seit jeher die Frauen den Handel. Doch nach dem schweren Erdbeben im September bekommen die Marktfrauen immer mehr Konkurrenz von außerhalb. Die Metzgerin und Marktfrau Eulelia über ihre Arbeit. 

Bis heute, so schätzt Eulelia, hat sie über 100.000 Hühner geschlachtet. Sie zuckt mit den Schultern, irgendwann sei das Töten eben zur Routine geworden. Eulelia ist 52 Jahre alt. Und seit 37 Jahren Metzgerin und Marktfrau in Juchitán. Ich treffe sie um kurz nach neun am Morgen. Sie steht an ihrem Stand und zerteilt mit einem Beil ein totes Huhn. Der Tresen ist gerade mal einen Quadratmeter groß, darauf liegt ein Stück Fleisch unter einer Plastikplane, daneben frittierte Schweineschwarte. In einer Kühltruhe am Boden lagern weitere Hühner. Eulelias Arbeitsmontur besteht aus einem langen, einfarbigen Kleid, darüber trägt sie eine grüne Schürze. Ihre Arbeitsutensilien: Ein Beil, ein Messer, eine alte Fleischerwaage.

Zehn Hühner verkauft Eulelia jeden Tag auf dem Markt. Eine besondere Zulassung für Schlachtung und Zerlegung, wie sie Fleischerinnen in Deutschland brauchen, kennt man in Juchitán nicht. Eulelia steht gegen fünf Uhr morgens auf, kauft die Hühner bei einem Landwirt in der Nähe und bringt sie zu sich nachhause. Dort schlachtet sie die Tiere zusammen mit ihrem Mann. Dann fahren die beiden ins Zentrum, Eulelia stellt sich auf den Markt, ihr Mann geht nach nebenan ins Rathaus. Die Arbeitsteilung der beiden ist, wie so oft in Juchitán, stark geschlechterspezifisch geprägt: Die Frauen handeln mit Waren, die Männer arbeiten als Landwirte, Handwerker oder Politiker. Gegen 16 Uhr fahren die beiden zusammen nachhause. Und so geht es jeden Tag. Außer sonntags. Seit sie zwölf Jahre alt ist, arbeitet Eulelia. Zunächst verdiente sie sich ein paar Pesos als Haushaltshilfe dazu. Als sie 15 Jahre alt war entschied ihre Mutter, dass sie Metzgerin wird.

Fleisch zu verkaufen ist in Mexiko eine recht zuverlässige Einnahmequelle, denn es wird viel und gerne gegessen. Doch seit dem Septemberbeben, sagt Eulelia, läuft der Verkauf zäher. Viele könnten sich das Huhn nicht mehr leisten und kauften stattdessen Fisch und Gemüse. Hinzu kommt: Vor dem Beben hatte Eulelia einen Stand in der Markthalle. Im Durcheinander hier draußen aber finden viele Stammkundinnen ihren Stand nicht mehr. Oder sie haben keine Zeit, sich durch das enge Labyrinth zu drängeln. Auch die Arbeitsbedingungen hätten sich verschlechtert: „Täglich prallt die Sonne mit 38 Grad auf die Zeltdächer, fließend Wasser gibt es nicht und die Kühltruhen muss ich nun selbst mit Eis befüllen.“

Große Supermarktketten konnten in Juchitán bisher nur schwer Fuß fassen. Und wenn doch, dann nur in Stadtvierteln, die weit vom Markt entfernt liegen. Zu wichtig ist der Markt nicht nur als ökonomisches Standbein, sondern auch als sozialer Treffpunkt. Die Juchitekas kommen auch, um zu quatschen, sich auszutauschen. Und um sich zu unterstützen: „Eine Juchiteka kauft bei einer Juchiteka“, sagt Eulelia. Doch nun, da mit dem Erdbeben viele Stände verschwunden seien und vielerorts ein Vakuum herrsche, drängten große Ketten mehr denn je in die Stadt. Das sei fatal, nicht nur für ihr eigenes Geschäft, so Eulelia. Der Handel ist das ökonomische Rückgrat der Stadt, verarbeitendes Gewerbe gibt es kaum.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für das Schrumpfen des Marktes: Immer weniger junge Menschen wollen die extrem harte Arbeit noch machen. Und Eulelia versteht das gut: „Ich habe immer hart gearbeitet, damit meine Töchter studieren können und ein besseres Leben haben als ich“. Drei ihrer vier Töchter sind mittlerweile mit dem Studium fertig und nach Oaxaca gezogen, in die Hauptstadt des Bundesstaates. Die jüngste studiert noch, aber auch sie wird bald wegziehen.

Dass es in Juchitán ein Matriarchat geben soll, davon hat Eulelia noch nie etwas gehört. „Ist ja interessant“, sagt sie erstaunt. Dann lacht sie laut: „Nein, das glaube ich nicht. Hier arbeiten wir gleich hart, Frauen wie Männer“. Es gäbe keine Hierarchien, keine Überlegenheit des einen Geschlechts über das andere. Die Annahme, Juchitán sei ein Matriarchat sei wohl entstanden, weil Fremde die nach Juchitán kommen, auf dem Markt nur Frauen arbeiten sehen. „Aber die Männer arbeiten genauso hart, man sieht sie nur nicht“. Anscheinend wird auch in Juchitán das Matriarchat im Sinne eines feministischen Patriarchats missverstanden.

Written by

Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.

Schreibe einen Kommentar