Ein erster Streifzug

Mein erster Tag im Matriarchat beginnt mit Google Maps. Dort sehe ich, dass die einzelnen Stadtviertel in Juchitán „seccion“ heißen, von ihnen gibt es acht. Auf dem Stadtplan sind sie kaum zu unterscheiden, denn beinahe die gesamte Stadt ist nach einem gleichbleibenden Muster mit geraden Straßen strukturiert. Nur innerhalb der einzelnen „Cuadras“ oder Häuserviertel schlängeln sich sogenannte „callejones“, kleine Wege, die Zugang zu Häusern und Innenhöfen bieten. Der Fluss „Rio de los Perros“ (Fluss der Hunde) zerteilt Juchitán in zwei Teile und spendet entlang der Ufer ein bisschen Grün in der ansonsten staubtrockenen Umgebung.

Ich wohne im Zentrum, in der vierten sección und ganz in der Nähe des großen Marktes. Zwei Cuadras zu Fuß, vorbei an kleinen Läden, in denen Hausrat, Kleidung, Möbel oder Werkzeugt verkauft wird.

Auf dem Platz vor dem Rathaus beginnen die ersten Marktstände. Der Markt ist das Herz der Stadt, das merkt man sofort. Von allen Seiten strömen Menschen hierher. Oder besser gesagt: Frauen. Füllige Frauen in langen Röcken und bunt bestickten Oberteilen, die Haare zu langen Zöpfen geflochten oder manchmal mit Blumen geschmückt. Sie tragen Beutel und Körbe auf dem Kopf, stehen an ihren Ständen und reden miteinander, tauschen sich aus. Männer sind tatsächlich nur wenige zu sehen, und wenn doch, arbeiten sie als Schuhputzer oder laden Waren ein und aus. Nur ein paar sind zum Kaufen und Verkaufen gekommen.

Ich tauche ein in das Labyrinth aus Ständen, die von oben durch Segelplanen und Wellblechdächern ein wenig vor Sonne und Hitze geschützt werden. Und auch wenn es nach Klischee klingt: Ich fühle mich, als würde ich in die Höhle der Löwen vordringen. Die Frauen schauen mich herausfordernd an, beobachten mich. Nicht etwa ängstlich oder schüchtern, sondern gerade heraus und fast ein bisschen spöttisch. Nur selten traue ich mich, meine Kamera auszupacken, und wenn doch, bitte ich vorher um Erlaubnis.

An ihren Ständen verkaufen die Juchitekas so ziemlich alles, was man zum Leben braucht, von Gemüse und Obst, Garnelen und Fisch über Gewürze bis hin zu frisch frittierten Empanadas, warmen Tamales und Tortillas, die sie aus kleinen Teigkugeln formen. Sogar Unterwäsche und farbige Trachten werden neben Wurst und Kuhköpfen feilgeboten. Eine eigene Sektion bilden die Stände, an denen Blumen verkauft werden. Ein erster Hinweis darauf, warum Juchitán auch die „Stadt der Blumen“ genannt wird.

„Der Handel ist in Frauenhand“, erklärt mir eine der Marktfrauen „Wir verkaufen und betreiben das Geschäft, wir nehmen das Geld ein. Die Männer stellen her, was wir verkaufen“. Das sei zumindest die traditionelle Arbeitsteilung.

Aber eigentlich finde der Markt gar nicht hier draußen statt, sondern in einem festen Marktgebäude neben dem Rathaus. Das schwere Erdbeben im September habe die Markthalle fast zum Einsturz gebracht, seitdem ist sie geschlossen. Um weiter verkaufen zu können, sind die Frauen in den öffentlichen Park umgezogen. „Was bleibt uns anderes übrig. Wir können nicht darauf warten, dass die Regierung sich kümmert, wir müssen unsere Familien ernähren“, sagt sie mürrisch. Seit dem Beben im September sei von Seiten der Regierung nicht viel geschehen.

Vom zentralen Platz aus erstreckt sich der Markt bis in die Seitenstraßen, noch weiter draußen verkaufen Frauen von Trachtenfahrrädern aus. Je weiter man sich vom Markt entfernt, desto mehr offenbart sich ein eher tristes Bild der Stadt. Nicht nur, dass Schuttberge und Baustellen das Bild bestimmen. Auch bedecken Müllberge den Straßenrand. Pappbecher und Plastelöffel, Taschentücher und Zigarettenkippen werden, wie so oft in Lateinamerika, einfach beiseite geworfen. In Ruinen sitzen alte Frauen in verschlissener Kleidung, ohne Zähne und Schuhe. Inwiefern das eine Folge der anhaltenden Ausnahmesituation ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Dennoch sieht man, dass Juchitán nie eine prunkvolle Stadt war. Auch bei den unversehrten Häusern handelt es sich um schlichte, funktionelle Flachbauten. Paläste und koloniale Prachtalleen hat es hier nie gegeben. Selbst die wenigen Kirchen reihen sich hier unauffällig in die Häuserfront ein.

 

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Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.

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